In der Paartherapie und Eheberatung sehen sich viele Männer mit widersprüchlichen Vorstellungen und Bedürfnissen konfrontiert.

 

Wann ist ein Mann ein Mann?

„Wann ist ein Mann ein Mann?“ stellte Herbert Grönemeyer 1984 in seinem Songtext in den Raum. In der Paar- und Eheberatung zeigt sich, dass diese Frage gerade auf Grund des sich verändernden Geschlechts- und Rollenverständnisses der letzten Jahrzehnte heute umso aktueller ist.

Paartherapie und Eheberatung: Orientierung durch klare Rollenbilder

Die rasante Entwicklung von Paartherapie und Eheberatung ging Hand in Hand mit der Emanzipation der Frau. Je gleichberechtigter Beziehungen gestaltet wurden, desto weniger gaben sich Paare mit unbefriedigenden Bindungen zufrieden und desto größer wurde der Wunsch danach, Konflikte zu lösen und eine allgemein (auch sexuell) erfülltere Partnerschaft zu leben. Im Rahmen dieser Entwicklung begannen sich auch patriarchische Beziehungs- und Familienstrukturen aufzulösen. Viele Männer, selbst der jüngeren Generationen, erlebten diesen Umschwung mit. Egal ob es die eigenen Eltern oder die (Ur-)Großeltern waren, wir kennen dieses klassisch-männliche Rollenverständnis meist noch aus eigener Hand – und selbst wenn nicht, dann zumindest aus Film und Fernsehen der damaligen Zeit. Der so genannte ‚starke Mann‘, das Familienoberhaupt, der Familienversorger. Der Mann als Lenker und Macher, der Mann für das Grobe, der nicht allzu viel von Gefühlsduselei hält und nicht redet sondern handelt. Auch wenn patriarchische Systeme scheinbar der Vergangenheit angehören, halten sich gewisse Vorstellungen doch hartnäckig, und das nicht etwa nur bei Männern, denen man unterstellen könnte, von der Beibehaltung des Status quo zu profitieren. Ganz im Gegenteil scheint es selbst bei Frauen der jüngsten Generationen zum Teil eine Rückbesinnung auf dieses Urbild des Mannes zu geben, wobei heute diesbezüglich eher vom Macho die Rede ist. Aber warum eigentlich? Es mag dafür viele Gründe geben (z.B. Sehnsucht nach einer vermeintlich ‚heilen Welt‘), aber ein wesentlicher mag sein, dass dieses Rollenbild neben vielen Nachteilen auch einen nicht zu unterschätzenden Vorteil mit sich bringt: In Beziehungs- und Familiensystemen schaffen klare Rollen Klarheit und damit auch in gewisser Weise Sicherhalt und Halt.   Das traditionelle Bild des Mannes mag vieles gewesen sein, seine vermeintliche Macht und Stärke vermitteln manchen Menschen aber auch heute noch Geborgenheit und Orientierung, Eigenschaften, die gerade in unserer immer schneller und unübersichtlicher werdenden Zeit zur Mangelware werden.

Paartherapie und Eheberatung – was macht mich zum Mann?

In der Paartherapie und Eheberatung sehen sich viele Männer mit widersprüchlichen Vorstellungen und Bedürfnissen konfrontiert. Tatsächlich ist der Wunsch groß, auch in den Augen der eigenen Partnerin als ‚richtiger Mann‘ wahrgenommen zu werden oder sich selbst als ein solcher zu fühlen. Sowohl Männer als auch Frauen verzetteln sich dahingehend aber schnell in Widersprüche, ohne dabei recht zu wissen, was denn nun tatsächlich den Mann zum Mann macht. Das liegt unter anderem daran, dass das Rollenbild des Mannes (ebenso wie jenes der Frau) viel komplexer geworden ist. Ein Mann muss nicht nur Geld verdienen um seine Familie zu unterstützen, er ist auch viel stärker in die Kindererziehung und in den Haushalt eingebunden. Auf der einen Seite ist in der Beziehung oft noch immer die ‚starke Schulter‘ erwünscht, und der Mann auch in der Partnerschaft in seiner Macher-Rolle gefordert, auf der anderen Seite muss er aber viel sensibler auf die Bedürfnisse seiner Partnerin eingehen und darf durchaus auch mit traditionell-weiblichen Qualitäten punkten. Durch die sich verwischenden Geschlechterrollen entstehen dabei unweigerlich Widersprüche. So recht scheint die Einordnung in althergebrachte Kategorien nicht zu gelingen, vielen Männern fällt der Spagat zwischen Macho und Softie schwer. Aber auch Frauen sind mit dieser Komplexität zum Teil überfordert. So ist es beispielsweise großartig, eine gleichberechtigte Beziehung zu führen, auf der anderen Seite kann es aber auch durchaus verlockend sein, sich zurückfallen zu lassen und die Entscheidungsfindung dem Partner zu überlassen.

Gerade in der Paartherapie und Eheberatung lernen Paare, dass es gar nicht so wichtig ist, was gesellschaftliche Konventionen vorgeben. Was einen Mann zum Mann macht, dafür gibt es keine allgemein gültige Formel. Viel wesentlicher ist es, sich mit dem eigenen Beziehungssystem auseinander zu setzen. Warum funktionieren manche Dinge in der Beziehung gut und andere nicht? Welche Art von Mann möchte ich sein – und umgekehrt – was wünsche ich mir als Frau von meinem Partner? In der Paartherapie und Eheberatung können Sehnsüchte und Bedürfnisse identifiziert und offen ausgesprochen werden, die sonst nur unterschwellig in der Beziehung mitspielen. Auf Basis dieses gegenseitigen Verständnisses kann so auch Respekt und Wertschätzung füreinander entstehen. Denn nur so können sich schließlich Männer als Männer und Frauen als Frauen erleben.