Paartherapie/Eheberatung als Chance

 

Untreue – unumgängliches Ende einer Partnerschaft? – Krise als Chance in der Eheberatung und Paartherapie

Untreue ist für viele Menschen ein Grund, um die Beziehung oder Ehe sofort zu beenden. Der Akt an sich wird oftmals als Verrat durch den eigenen Partner oder die eigene Partnerin empfunden, der oder die Betrogene fühlen sich häufig hintergangen, betrogen und im Stich gelassen. Aus Sicht des Paartherapeuten sehe ich die Probleme, mit denen Ehe bzw. Beziehungen im Allgemeinen manchmal zu kämpfen haben und es kommen auch Fälle vor, in denen ein Partner mit einer außenstehenden Person schläft. Ob dies jedoch tatsächlich, nicht nur emotional für den oder die Betrogene sondern auch objektiv bedrohlich ist für die Ehe oder Partnerschaft hängt oftmals von vielen anderen Faktoren ab. Entsprechend sollte auch, bei allen aufkommenden Emotionen, auch stets versucht werden, den Grund für die Untreue zu ermitteln und bevor an eine Trennung im Raum steht, überlegt werden, ob die Beziehung in irgendeiner Weise noch Sinn macht oder diese tatsächlich zu Ende geht.

Auslösende Faktoren für sexuelle Untreue – des Pudels Kern in der Eheberatung und Paartherapie

Sexueller Kontakt mit Personen außerhalb der Partnerschaft – sofern dieser nicht von beiden Partnern gewünscht wird – hat unterschiedliche Gründe. Stark vereinfacht können die Auslöser unterteilt werden in emotionale und sexuelle Attraktivität einer fremden Person. Emotionale Attraktivität ist dabei ein Verlieben in jemand anderen. In diesem Fall ist es auch als Berater für Paare schwierig, ganz klar und in jedem Fall zu einer Fortsetzung der Beziehung oder Ehe zu raten, da dies oftmals Hand in Hand geht damit, dass der eigene Partner nicht mehr geliebt wird. Nicht viele Menschen sind dazu fähig, gleichzeitig mehrere Personen auf einer partnerschaftlichen Ebene zu lieben. Selbst wenn dies für jemanden möglich ist, so muss trotzdem damit gerechnet werden, dass der Partner oder die Partnerin zumindest das Ultimatum stellt, dass eine Entscheidung getroffen werden muss. Die Akzeptanz einer oder eines Geliebten ist hierzulande wenig verbreitet.

Sind die Gründe für die Untreue jedoch nicht emotional, sondern „lediglich“ sexueller Natur, der „betrügende Partner“ ist jedoch weiterhin mit all seinen Gefühlen in die Ehe involviert und liebt den Partner, so ist sein oder ihr Fremdgehen keine objektive Bedrohung für die Beziehung. Grundlage für diese Aussage ist natürlich, dass der oder die Betrogene die Möglichkeit einräumt, dass an der Partnerschaft oder Ehe gearbeitet wird und das Fortführen selbiger nicht kategorisch ausgeschlossen wird. Die Gründe dafür, dass jemand mit einer fremden Person schläft, sind häufig unerfüllte sexuelle Wünsche und Phantasien. Die fremde Person ist dabei oft nichts anderes, als die Möglichkeit, diese Begierden auszuprobieren oder auszuleben, sie könnte dabei von jeder anderen Person in ihrer Rolle ersetzt werden. Ist dies der Fall, so kann das Wissen in der Beziehung genutzt werden. Häufig ist das Problem, dass ein Partner dem anderen nicht erzählen will, was er oder sie sich wünscht, aus Angst auf Ablehnung zu stoßen. Wird jedoch diese Hemmschwelle überwunden und auch diesbezüglich offen miteinander gesprochen, kann dies zu neuerlich empfundenen Vertrauen, zu Verbundenheit und, wenn die Phantasien auf Konsens stoßen, auch zu einer neu belebten Sexualität in der Ehe bzw. Partnerschaft führen.

Natürlich bleibt zu sagen, dass dieser Prozess mitunter sehr viel Zeit und Energie, Verständnis und langsame Annäherung bedeutet. Eine professionelle Führung während dieser Phase ist nahezu unabdingbar, um nicht bei all der offenen Wunden den Partner nicht noch stärker von sich weg zu drängen. Dabei können vorab Gespräche unter vier Augen hilfreich sein, um den Grund, den die Personen meist selbst nicht so genau kennen, zu ermitteln und so einen Ansatzpunkt für die Situationslösung zu erhalten.

Du sollst keine Lügen erzählen – oder doch? Unwahrheiten in Beziehungscoaching und Eheberatung

Hinsichtlich Untreue sagte eine bekannte amerikanische Paartherapeutin einst, dass lediglich die Probleme die dazu führten, nicht jedoch die Untreue selbst, angesprochen werden sollten, sofern der Partner noch nicht davon weiß. Sie hielt es somit für besser, die außerehelichen sexuellen Aktivitäten für sich zu behalten, sofern es nicht nötig wäre darüber zu sprechen, da der Partner durch das Verhalten lediglich verletzt werden würde und es mehr dazu diene, das eigene Gewissen zu erleichtern. Dies galt ihrer Meinung nach, auf die beiden Extrempunkte des vorigen Abschnitts angewandt, vor allem auf die Untreue aufgrund sexueller Motive, da die Grundstrukturen der Partnerschaft eigentlich intakt sind.

Aus Sicht eines Beziehungsexperten und Paartherapeuten muss ich diese Empfehlung mit gemischten Gefühlen sehen. Einerseits habe ich bereits einige Fälle von Untreue gesehen, in denen lediglich durch völlige Offenheit und Transparenz die Beziehung zu retten war, andererseits auch von jenen gehört, in denen genau dieses Konzept zur Trennung bzw. Scheidung geführt hat. Ob dies auch mit weniger Wahrheit passiert wäre, ist natürlich nicht nachvollziehbar, jedoch überlasse ich den Grad der Offenheit in jedem Fall meinen Klientinnen und Klienten selbst. Sie kennen ihre Partner und sich selbst am besten und so sollten auch nur sie entscheiden, was und in welchem Detailgrad sie erzählen müssen und was sie lieber verschweigen. Ich rate allerdings in jedem Fall dazu, nicht zu lügen, denn wenn eine Beziehung weiter bestehen soll, dann sollte dies nicht auf Basis eines Kartenhauses sein.