Je nach Wahrnehmung und Bewertung des Partners aber vor allem abhängig von der Situation kann ein und dieselbe Eigenschaft zudem Licht- und Schattenseiten aufweisen.

 

Jekyll und Hyde der persönlichen Eigenschaften in der Paartherapie und Eheberatung

 

Thomas hat sich verliebt. In die lebenslustige, humorvolle Anna. Anna hat sich verliebt. In den ausgleichenden, bodenständigen Thomas.
So oder so ähnlich bewerben Single-Börsen und Partnersuche-Agenturen ihre Angebote. Die Message: Wir finden für Sie den Lebensmenschen, der Sie perfekt ergänzt, die große Liebe, die eine harmonische Partnerschaft garantiert.
Aber ist es auch aus Sicht der Paartherapie und Eheberatung tatsächlich so einfach? Benötigen wir für unser Beziehungsglück lediglich kompatible persönliche Eigenschaften?

Ich suche was ich nicht hab – Paartherapie und Eheberatung


Viele von uns werden dieses Phänomen in irgendeiner Art und Weise kennen: Die Sehnsucht nach dem, was man selbst nicht verkörpert oder glaubt zu besitzen. Der Reiz des Unbekannten. Blond und dunkel. Spontan und überlegt. Aktiv und ruhig. Auch aus meinen Erfahrungen in der Paartherapie und Eheberatung weiß ich, dass sich Gegensätze manchmal tatsächlich anziehen.
Gerade nach einer Trennung machen wir uns aber auch bisweilen auf die Suche nach jenen Merkmalen und Eigenschaften, die wir am Ex-Partner missten, um schließlich festzustellen, dass sich damit wieder gänzlich neue Probleme auftun.
Als Paartherapeut und Eheberater betone ich dahingehend immer, dass es oft nicht DIE Merkmale und Eigenschaften eines anderen gibt, die eine lebenslange Passung garantieren. Wir lernen zwar im Idealfall immer mehr über uns und unsere Bedürfnisse hinzu, der Denkfehler besteht aber darin, das eigene Ich als Konstante zu betrachten. Tatsächlich verändern aber auch wir uns selbst im Laufe der Zeit ganz maßgeblich. So ist es nicht verwunderlich, dass uns ein Mensch in einer Lebensphase scheinbar sehr gut tut, wir aber nach einigen Beziehungsjahren frustriert resümieren, dass man sich – wie man so schön sagt – in unterschiedliche Richtungen entwickelt hat.
Heißt das im Umkehrschluss also, dass wenn die Passung nicht mehr gegeben zu sein scheint, dies das unweigerliche Beziehungsaus bedeutet?

Die zwei Seiten von persönlichen Eigenschaften – Paartherapie und Eheberatung


Wenn ich im Rahmen der Paartherapie und Eheberatung mit meinen KlientInnen über ihre momentane Beziehungssituation spreche, so werde ich häufig mit großem Frust und Unzufriedenheit mit dem Partner konfrontiert.
Nicht selten stellt sich im weiteren Verlauf dar, dass es just jene Eigenschaften des anderen sind, die nun subjektiv ungemein stören, die man zu Beginn der Beziehung noch sehr attraktiv fand. Das ist auch der Haken an der oben erwähnten Ergänzung. Was einmal als passend eingeordnet wurde, kann sich in einen aufreibenden Gegensatz verwandeln.
Die lebenslustige, humorvolle Anna nervt mit ihrem nie enden wollenden Tatendrang und ihrer Unruhe. Der ausgleichende, bodenständige Thomas nervt, weil er nicht unternehmenslustig genug ist und in seiner Komfortzone verharrt.
Unterschiedlichkeit kann im Idealfall tatsächlich zu einer guten Ergänzung führen, aus der Forschung wissen wir jedoch, dass starke Gegensätze zwar anfänglich reizvoll sein, in einer längeren Partnerschaft aber zumindest für genügend Zündstoff sorgen können. Sind sich die Partner gerade in wesentlichen Eigenschaften und Einstellungen ähnlich, so ist das ebenfalls kein Garant für eine glückliche Beziehung, die Wahrscheinlichkeit für Stabilität und Harmonie ist jedoch gerade langfristig gesehen höher.
Je nach Wahrnehmung und Bewertung des Partners aber vor allem abhängig von der Situation kann ein und dieselbe Eigenschaft zudem Licht- und Schattenseiten aufweisen. Ein geradliniger Mensch kann wunderbar sein, wenn es darum geht, in einer verworrenen Situation klare Entscheidungen zu treffen oder sicheren Halt zu geben. Nicht aber so wunderbar, wenn er durch seine direkte Art Gefühle verletzt. Ein fürsorglicher Partner kann einem das Gefühl geben gut aufgehoben zu sein und geliebt zu werden. Es kann aber auch das Gefühl entstehen, förmlich von der Anteilnahme und Fürsorge erdrückt zu werden oder aber auch vom anderen bevormundet zu werden.

Wenn sich Jekyll und Hyde die Hände reichen – Paartherapie und Eheberatung


Dass die Passung mit einem anderen Menschen eine wichtige Rolle spielt, ist auch aus Sicht der Paartherapie und Eheberatung unbestreitbar. Sicherlich gibt es Paare, die per se besser oder schlechter zusammenpassen.
Wesentlich ist jedoch, sich bewusst zu machen, dass das nur die eine Hälfte der Rechnung ist. Denn das Verlockende an der Vorstellung der „perfekten ergänzenden Hälfte“ ist, dass wir selbst scheinbar nur sehr wenig zum Gelingen einer Beziehung beitragen müssen. Unsere Hauptaufgabe ist schließlich nur den passenden Partner zu finden, der Rest – so wird zumindest impliziert – geht dann schon fast von selbst.
Aus meiner Sicht als Paartherapeut ist aber weniger die Ausgangsbasis der Persönlichkeiten als die Bereitschaft, sich gemeinsam weiterzuentwickeln und über sich selbst zu lernen einer der wichtigsten Garanten für eine dauerhaft glückliche Partnerschaft.
Dazu gehört es auch, ein tiefes Verständnis über die eigenen Verhaltensmuster und ihre Auswirkungen auf den Partner zu entwickeln. Oft hilft es Paaren auch sich wieder vor Augen zu führen, dass eine Eigenschaft des anderen nicht nur negative Seiten an sich hat, sondern sich tatsächlich auch – selbst wenn dies nicht mehr bewusst wahrgenommen wird – in einer anderen Form sehr positiv auf die Beziehung auswirkt. Gerade diese gegenseitige Wertschätzung und differenzierte Wahrnehmung geht aber oft im Beziehungsalltag unter.
Ziel soll es also sein, den anderen und letztlich auch sich selbst annehmen und respektieren zu können, was weder eine unrealistische Idealisierung noch ein konstantes Abwerten erreichen können. Das wiederum stellt einen idealen Boden für positive Entwicklungen dar.
Je flexibler die Partner in ihrem Verhalten werden, desto vorteilhafter ist es langfristig für die Beziehung. So kann beispielsweise ein Partner, der sich für den anderen aufopfert, lernen, auch einmal für sich einzutreten, dem anderen in diesem Zuge aber auch mehr Freiraum geben.
Paartherapie und Eheberatung kann auch dabei unterstützen, sich darüber klar zu werden, welche Bedürfnisse der Partner tatsächlich abdecken kann und will. Umgekehrt ist es wichtig, sich von der Vorstellung zu trennen, dass der Partner in allen Belangen zwingend eine perfekte Ergänzung sein muss. Wenn die Partner lernen, den anderen für das zu schätzen, was er/sie einbringt, gleichzeitig aber auch selbst Verantwortung für ihre persönliche Entwicklung und allgemeine Zufriedenheit übernehmen,  ist Beziehungsglück und Harmonie auch langfristig möglich.