Wenn längere Zeit Gesprächspartner fehlen, fangen Menschen an, mit sich selbst zu reden.

 

Paartherapie/Eheberatung zahlt sich aus

Singles sterben früher

Hunderttausende von Jahren lebte der Mensch in kleinen Clans – als Gruppenwesen. Doch deutsche Großstädte beherbergen derzeit fast ein Drittel Single-Haushalte: Allein leben liegt voll im Trend. Verträgt sich das mit unserem biologischen Erbe?

Allein sein – herrlich.

Den ganzen Sonntag im Schlafanzug. Unter der Woche die Energie voll in die Karriere stecken statt in zermürbenden Beziehungsstreß um Geschirrspülen, Haushaltsgeld und Urlaubspläne. Und abends spontan ins Kino – ohne Vorwürfe. So ein selbstbestimmtes Single-Leben kann nur glücklich machen, glaubt inzwischen jeder vierte Deutsche. Immer weniger Bundesbürger, das ergaben Umfragen des Instituts für Demoskopie in Allensbach, sehnen sich nach trauter Familie. Alte Jungfern, Hagestolze: So bemitleidete die Gesellschaft noch vor 30 Jahren die allein Lebenden. Heute hat das Mitleid der Bewunderung Platz gemacht: „ Pioniere der Moderne“ schwärmt etwa die renommierte Berliner Psychologieprofessorin Eva Jaeggi in ihrem Bestseller „Ich sag‘ mir selber Guten Morgen“ über die mehr als 13 Millionen deutschen Singles.

In Großstädten wie Frankfurt, München und Hamburg lebt jeder Dritte solo in seinen eigenen vier Wänden.

Der Anteil der Alleinstehenden hat sich bei den 30- bis 50jährigen seit 1972 mehr als verdoppelt, die Zahl der Single-Frauen dieser Altersklasse hat sich gar vervierfacht. Doch so sehr Frauenmagazine und Werbung das autonom-kreative Single-Dasein verherrlichen – in jüngster Zeit kommen Zweifel am progressiven Lifestyle-Konzept auf. Vor allem in den USA haben Wissenschaftler sich darauf spezialisiert, menschliche Bedürfnisse und menschliches Verhalten aus den Lebensbedingungen unserer Steinzeitvorfahren und aus uralten genetischen Selektionsprozessen zu erklären. Ihre These: In unseren Genen sitzt noch immer das tief verwurzelte Vermächtnis unserer Vorväter, erworben in zwei Millionen Jahren – etwa so lange gibt es unsere Gattung.

Dieses Vermächtnis ist eine universell angeborene Neigung nach Geborgenheit in der Gruppe.

„Nur Menschen mit diesem Instinkt konnten in den vergangenen Jahrtausenden überleben und sich fortpflanzen, deshalb hat er sich erhalten“, erklärt Roy F. Baumeister. Der Psychologieprofessor in Cleveland (Ohio) ist, wie eine Reihe anderer Psychologen, Mediziner und Kognitionsforscher, dem angeborenen Trieb nach Gemeinschaft auf der Spur. Jahrtausendelang zogen unsere Urahnen mit ihrem wenigen Hab und Gut den großen Tierherden durch die Savannen nach, um Mammut und Antilope gemeinsam zu bejagen. Noch heute ernähren sich Stammesgemeinschaften wie die Ache in Paraguay und die !Kung San in der afrikanischen Kalahari-Wüste auf diese Weise: Jedes erlegte Tier wird nach festen Ritualen brüderlich auch noch mit dem schwächsten Clan-Mitglied geteilt, während sich jeder selbst die leichter zu sammelnden Wurzeln und Beeren besorgen muß. Ein junger Homo sapiens sapiens brauchte ungefähr zehn Jahre ständiger Sorge und Belehrung. Er war immer auf seine Clan-Genossen angewiesen. Die Gruppe organisierte den Schutz vor Raubtieren, pflegte die Alten – die wichtigste Wissensquelle für Notsituationen – und wärmte sich gegenseitig im kalten Winter.

„Im evolutionären Prozeß haben die Vorteile der Gemeinschaft körperinterne Mechanismen gefördert, die den Einzelnen automatisch zu Gruppen hinziehen – bis hin zum emotionalen Streß, wenn man allein ist“, erklärt Instinktforscher Baumeister. Seine Vermutung belegen inzwischen Dutzende medizinischer und psychologischer Studien, hauptsächlich aus den USA: Wer ohne feste Bindungen lebt, ist häufiger unzufrieden, weniger streßresistent und hat eine schwächere Immunabwehr als partnerschaftlich lebende Menschen. So entdeckten beispielsweise der amerikanische Immunologe Ronald Glaser und seine Frau, die Psychologin Janice Kiecolt-Glaser: Einsame Menschen produzierten angesichts unangenehmer Situationen – etwa Prüfungsdruck – wesentlich höhere Mengen des Streßhormons Kortisol als Menschen, die in einer Partnerschaft lebten. Das Forscher-Ehepaar fand ebenso in anderen Untersuchungen bei allein Lebenden geringere Konzentrationen an Immunabwehrstoffen im Blut.

Der Psychosomatiker James Lynch spürte den Folgen des Alleinseins mit Hilfe von US-Sterbestatistiken nach. Ergebnis:

„ Die Sterblichkeitsraten für verschiedene Krankheiten liegen bei Singles, Geschiedenen und Verwitweten durchgehend höher.“

Etliche medizinische Studien stützen dieses Fazit – zwei Beispiele: Eine Arbeitsgruppe um Ichiro Kawachi an der Harvard School of Public Health in Boston beobachtete an 32624 Probanden in einer vierjährigen Studie: Unverheiratete Männer mit weniger als sechs Freunden oder Verwandten, ohne Kontakt zu kirchlichen oder anderen Gemeinschaften, starben doppelt so häufig an Herz-Kreislauf-Krankheiten, Unfällen und Suiziden als Männer mit dichtem sozialem Netz. Epidemiologen um Paul Reynolds vom California Department of Health Services in Emeryville untersuchten 1011 Frauen, bei denen vor kurzem Brustkrebs diagnostiziert worden war. Nach fünf Jahren Studienlaufzeit zogen die Forscher Bilanz: Die Teilnehmerinnen mit dem geringsten Maß an emotionaler Zuwendung waren 1,8mal häufiger an ihrer Erkrankung gestorben als diejenigen mit den stärksten sozialen Bindungen. „Vier bis sechs starke, dauerhafte menschliche Beziehungen reichen nach unseren Beobachtungen vermutlich aus, um den Instinkt nach Geborgenheit zu befriedigen“, meint Roy F. Baumeister an die Adresse der Einzelgänger. Flüchtige Bekanntschaften in Kneipen und Discos, wie sie Swinging Singles häufig bevorzugen, seien allerdings zu wenig, warnt er: „Die Beziehungen müssen über einen längeren Zeitraum Bestand haben, von Fürsorge getragen sein und über ständige Kontakte dauerhaft gepflegt werden.“

Wenn schon nicht in der eigenen Wohnung, sollten Familienangehörige und gute Freunde wenigstens ein paar Straßen weiter leben, damit ihre Präsenz Seele und Körper stärkt. Dabei bessert die Geborgenheit durch menschliche Nähe nicht nur unser emotionales und physisches Wohlbefinden. Sie bestimmt auch entscheidend, wie realistisch wir uns und unsere Umwelt wahrnehmen. Der Gruppeninstinkt aus grauer Vorzeit hat auch hier Spuren hinterlassen. Der Mensch braucht nämlich sein fast drei Pfund schweres Gehirn nicht so sehr, um damit Faustkeile und Computerprogramme zu erfinden. Der größte Teil des komplexen Denkapparats dient vielmehr seit frühester Menschheitsgeschichte der Regelung sozialer Beziehungen: Er kann kleinste Regungen in der Mimik sofort identifizieren und richtig deuten, Gesichter und Stimmen nach Jahrzehnten wiedererkennen, eine hoch differenzierte Sprache beherrschen.

Auch unser Welt- und Selbstbild entwickeln wir von Kindesbeinen an im Austausch mit einem Gegenüber.

Wenn längere Zeit Gesprächspartner fehlen, fangen Menschen an, mit sich selbst zu reden und hören imaginäre Stimmen. „Unsere Muster des Denkens und Fühlens entwickeln sich in der Interaktion mit anderen“, konstatiert der Psychiater Prof. Fritz B. Simon. „Fehlt diese Rückmeldung und Korrektur, können wir uns nicht mehr weiterentwickeln.“

Etwa moderne Karriere-Singles: Im Job und per Internet tauschen sie sich regelmäßig aus, sind immer auf dem neuesten Stand. Doch ihr menschliches Einfühlungsvermögen droht einzurosten, wenn zu Hause kein Partner ihre eingefahrenen Vorurteile über Mitmenschen, Liebe und Geselligkeit abschleift. „ Menschen ohne feste Partnerschaften vermeiden Störungen oft ganz bewußt und tauschen Leute, die nicht in ihr Weltbild passen, einfach aus“, hat Simon registriert. Der Dialog mit Freunden und Lebenspartnern hilft auch – wie einst die Runden ums Lagerfeuer – entscheidend beim Aufbau des Selbstbildes. „Selbstklärung“ nennen Psychologen diesen Prozeß. Der emeritierte Zürcher Psychiatrieprofessor und Partnerschaftsexperte Jürg Willi erklärt: „Der Mensch hat ein tief verwurzeltes Bedürfnis, in seinem täglichen Erleben von anderen beantwortet zu werden. Geschiedene etwa erfahren es als etwas vom Schmerzlichsten, daß sie abends mit niemandem mehr ihre Alltagsbanalitäten austauschen können.“

Erst wenn wir, so Willi, die täglichen Eindrücke und Handlungen immer wieder bei einem verläßlichen Gegenüber abchecken, bekommen wir ein schlüssiges Bild von uns selbst, eine feste Identität und damit Selbstvertrauen. Eine Familie und langjährige Lebenspartner, bei denen man sich ungeniert gehen lassen kann, sind die besten Sparringspartner. Zurück zur Großfamilie also, mit all ihren Zwängen und Machtspielen? Keiner der Psychologen, die sich mit dem menschlichen Gemeinschaftssinn beschäftigen, würde so weit gehen. Dennoch sind sich alle einig: Bevor man den populären Single-Mythos allzu übermütig verherrlicht, sollte man die Vor- und Nachteile genauer abwägen.

Vernetzt mit der Einsamkeit

Amerikaner sitzen immer öfter und länger vor ihren Computern und verstricken sich in den unendlichen Weiten des Internet – so sehr, daß Vereinsamung und soziale Isolation drohen. Das befürchten zumindest Wissenschaftler der Stanford University nach Auswertung der ersten großen Studie über die Folgen des Internets für die US-Gesellschaft. „Je stärker die Amerikaner das Internet nutzen, desto weniger Zeit verbringen sie mit Menschen aus Fleisch und Blut“, resümiert Norman Nie, Professor für Politikwissenschaften und Leiter der Studie. Amerikas Online-Enthusiasten teilen ihre Zeit immer weniger mit Familie und Freunden, sie gehen seltener zum Einkaufen in die einst so beliebten Shopping-Malls und nehmen sich ihre Arbeit mit zu ihrem heimischen Computer – ohne dafür mit Geld oder Freizeit entschädigt zu werden.

Nie spricht von Massen vereinsamter Amerikaner, die zu Hause vor ihren grauen Kisten kauern. Es gebe keine Anzeichen dafür, daß virtuelle Gemeinschaften im Web – beispielsweise Chat-Foren – einen Ersatz für Zwischenmenschlichkeit bieten könnten, verdeutlicht der Stanford-Forscher. „Wer seine Zeit im Internet verbringt, hört keine menschliche Stimme und wird von niemandem umarmt.“ Bereits vor zwei Jahren warnte Prof. Robert Kraut von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh vor den negativen Folgen des Internet: Menschen, die nur wenige Stunden pro Woche online gingen, tendierten zu Depression und Einsamkeit – auch wenn sie das Web hauptsächlich zur Kommunikation nutzten.

Informationen austauschen ist die Hauptbeschäftigung der Amerikaner online. Jeder zweite US-Bürger verfügt heutzutage über einen Internet-Zugang und nutzt diesen überwiegend zum Schreiben von E-Mails. Ebenfalls beliebt: Börsenkurse, günstige Flugtickets, die Recherche für den Geschichts-Aufsatz. Online-Einkäufe tätigen allerdings erst 25 Prozent, und Online-Banking ist sogar bei nur 10 Prozent der Amerikaner beliebt. 1997 gehörten erst 30 Millionen Amerikaner zur Internet-Gemeinde, heute sind es gut 70 Millionen. 2003 soll sich diese Zahl nochmals verdoppeln. Während in Deutschland nur 9 Prozent aller Haushalte über einen Internet-Anschluß verfügen, sind es in den USA 45 Prozent. Zwei Drittel der US-Bürger können von zu Hause aus im Web surfen, der Rest am Arbeitsplatz oder in der Schule. Mehr als ein Drittel der US-Bürger ist für mindestens fünf bis zehn Stunden pro Woche im Internet unterwegs.

Einen Blick in die Zukunft vermitteln die „Internet-Villages“, die sich seit einigen Jahren in amerikanischen Großstädten wie San Francisco und Houston etablieren: Dort sind ausnahmslos alle Haushalte am Netz. Internet-Villages sind riesige Wohngemeinschaften, deren Mieter die Begeisterung für das Internet zur Lebensphilosophie gemacht haben: Junge Leute, meist männlich und aus der Computerbranche, mieten 50 bis 100 Apartments in einer Wohnanlage und vernetzten diese zu einer virtuellen Kommune. Sie schlürfen Getränke in einem gemeinsam genutzten Café, das freien Internet- Zugang bietet. Aus einer Online-Jukebox dröhnt vom Netz heruntergeladene MP3-Musik. Auf einer elektronischen Pinnwand am Eingang der Wohnanlage, die von jedem Computer aus angesteuert werden kann, blinken Nachrichten – zum Beispiel die Ankündigung von Pool-Partys oder Spanisch-Kursen für die Mitbewohner.

Wenn überhaupt, so scheinen diese Internet-Freaks gemeinsam einsam zu sein.

Irene von Hardenberg

01.11.2000 Bild der Wissenschaft
Psychotherapie Wien , Paartherapie Wien