Bindungserfahrungen sind auch aus Sicht der Paartherapie und Eheberatung relevant

 

Frühe Bindungsmuster und Partnerschaft Paartherapie und Eheberatung

„Wie ein Mann seine Mutter behandelt, so wird er auch dich behandeln.“ – vermeintliche Lebensweisheiten wie diese sind durchaus verbreitet. Der Interaktion zwischen Schwiegereltern und dem/r (neuen) PartnerIn gilt auch abseits der unmittelbaren Auswirkungen größtes Interesse, denn viele Menschen glauben daraus viel über den Charakter und die Beziehungsfähigkeit ihres/r Liebsten ableiten zu können. Besonders spannend scheint für Hobby-PsychoanalytikerInnen dabei die Kindheit zu sein, viele Menschen neigen gerade nach gescheiterten Beziehungen stark dazu, auch in ihrer eigenen Vergangenheit zu graben.
Verkorkste Kindheit, verkorkstes Eheleben? Glückliche Kindheit als Freifahrtschein für eine glückliche Beziehung im Erwachsenenalter? Wie wichtig ist aus Sicht der Paartherapie und Eheberatung der Blick in die eigene Vergangenheit?

Bindungsentwicklung – Paartherapie und Eheberatung

Als Paartherapeut und Eheberater werde ich immer wieder gefragt, warum manche Menschen so große Schwierigkeiten haben dauerhafte und beidseitig befriedigende Bindungen einzugehen, während es anderen scheinbar ganz natürlich zukommt. Die Bindungsforschung hat hier erstaunliche Ansatzpunkte geliefert, insbesondere möchte ich dabei im Anschluss auf die Arbeiten des britischen Psychiaters und Psychoanalytikers John Bowlby und seiner Mitarbeiterin Mary Ainsworth eingehen. Bindung ist zu allererst einmal grundlegend für die körperliche und seelische Gesundheit aller Menschen. Ein Säugling etwa verfügt bereits über ein biologisch angelegtes Repertoire an Verhaltensweisen (z.B. Blicke, Anklammern, Schreien, Weinen) um eine enge Bindung zu seiner Hauptbezugsperson, in der Regel die Mutter, herzustellen und deren intuitives Fürsorge- und Schutzsystem zu aktivieren. Ohne diese Bindung wäre das Neugeborene verloren. Die Qualität der Bindung wiederum hängt stark von der Bindungsbereitschaft und dem Bindungsvermögen der Mutter ab. Eine sichere Bindung entsteht nach Bowlby und Ainsworth dann, wenn die Mutter empathisch auf die Bedürfnisse ihres Kindes reagiert, dadurch Halt und Sicherheit vermittelt, ohne jedoch überfürsorglich zu sein oder negative Gefühle zu stark rück zu spiegeln.

Störungen in der Entwicklung eines sicheren Bindungsmusters – Paartherapie und Eheberatung

Die Entwicklung eines sicheren Bindungsmusters ist jedoch ein sensibler Prozess und trotz der in der Regel hohen Anpassungsfähigkeit von Kind und Hauptbezugsperson durchaus störanfällig. Wesentlich ist, dass Mütter bereits eigene sichere oder unsichere Bindungserfahrungen mit sich tragen, die sie wiederum, oft gänzlich unbewusst, an ihr Kind weitergeben. Ein unsicher vermeidendes Bindungsmuster kann sich entwickeln, wenn die Mutter auf das Bindungsbedürfnis des Kindes tendenziell mit Zurückweisung reagiert. Ein unsicher ambivalentes Bindungsmuster entsteht dann, wenn die Mutter auf die Signale des Kindes nicht verlässlich, das heißt teils empathisch, teils ablehnend, reagiert. Ein desorganisiertes/destruktives Bindungsverhalten wiederum bildet sich dadurch aus, dass sich die Mutter gegenüber ihrem Kind oft aggressiv oder stark ängstlich verhält. Diese und weitere Bindungserfahrungen sind auch aus Sicht der Paartherapie und Eheberatung relevant, da sich daraus im  Laufe des Erwachsenenwerdens unterschiedliche Bindungsstile entwickeln, die die späteren Paarbeziehungen wesentlich beeinflussen.

Bindungserfahrung und erwachsene Paarbeziehung – Paartherapie und Eheberatung

Die Bindungsforschung hat erstaunliche Zusammenhänge zwischen den Bindungserfahrungen der Eltern und den zukünftigen Bindungstypen ihrer Kinder nachgewiesen. So können bereits über die Einstellung werdender Mütter zu Bindung und Beziehung Vorhersagen über die Beziehungsmuster ihrer Kinder mit hoher Treffsicherheit gemacht werden. Sicher gebundenen Kindern sind auch im Erwachsenenalter zufriedener mit ihren Beziehungen, ihnen fällt es vergleichsweise leichter Nähe und Intimität wahrzunehmen, Nähe und Distanz zu regulieren sowie Konflikte zu lösen. Im Gegensatz dazu haben emotionale Beziehungen für Menschen mit einem vermeidenden Bindungsstil einen geringeren Stellenwert. Spannend sind in diesem Zusammenhang auch Beziehungsdynamiken zwischen Menschen mit unterschiedlichen Bindungsstilen. So kann sich eine gewisse Stabilität auch bei Paaren mit nicht sicherem Bindungsverhalten einstellen, gleichzeitig können daraus aber immer wieder kehrende Konflikte und Spannungen entstehen, die dem beidseitigen Glück im Wege stehen.
Sind wir unseren Bindungserfahrungen damit also schutzlos ausgeliefert? Keinesfalls, denn gerade Paartherapie und Eheberatung kann durch den Aufbau einer sicheren therapeutischen Beziehung die Veränderung dieser Muster bewirken. Durch die Erkennung des eigenen Beziehungsstils und damit verbundener bis dato oft unbewusster Verhaltensweisen kann eine neue Beziehungsqualität entstehen, negative Erfahrungen überschrieben und somit auch mehr Lebenszufriedenheit auch für die nachfolgenden Generationen geschaffen werden.