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Alkohol und wir – Alkoholmissbrauch und Abhängigkeit aus Sicht der Paartherapie/Eheberatung

Schließlich verändert missbräuchlicher Alkoholkonsum auch das Verhalten in der Partnerschaft.

In der Paartherapie und Eheberatung zeigt sich immer wieder welch verheerende Auswirkungen missbräuchlicher Alkoholkonsum auf Partnerschaften haben kann. Dabei ist Alkoholismus ein äußerst weitverbreitetes Phänomen: Etwa 10% der Österreicher erkranken im Laufe ihres Lebens an der Alkoholkrankheit. Während Männer (14%) häufiger als Frauen (6%) erkranken, nimmt der relative Anteil der Frauen seit Jahren deutlich zu. Während etwa 340.000 Menschen als alkoholkrank gelten, konsumieren knapp 735.000 Österreicher Alkohol regelmäßig in einem gesundheitsschädlichen Ausmaß.

Paartherapie: Beziehungsprobleme bereits im Frühstadium

In der Paartherapie und Eheberatung erlebe ich regelmäßig, dass keinesfalls das Vollbild einer Abhängigkeit gegeben sein muss, ehe sich erste gravierende Beziehungsprobleme einschleichen. Bereits gelegentliches aber exzessives Trinken kann zu heftigen Auseinandersetzungen in der Beziehung führen. Selbst wenn Betroffene davon abgesehen keinen oder nur wenig Alkohol konsumieren, erkennen sie oft nicht, dass es sich beim übermäßigen Trinken bereits um eine Form des Missbrauchs handelt, die sich auch unmittelbar auf ihre Beziehung und Gesundheit auswirkt. Umgekehrt kann sich aber auch regelmäßiger Alkoholkonsum in geringeren Mengen zu einem Problem entwickeln („Spiegeltrinken“). Gerade in diesen Fällen äußern Partner von Betroffenen oft vehement und über längere Zeiträume gesundheitliche Bedenken, die jedoch vom anderen als überzogen und unbegründet abgetan werden. In Frühstadien der Alkoholkrankheit kommt es häufig auch zum Erleichterungstrinken. Alkohol wird also missbräuchlich dazu eingesetzt, Spannungen abzubauen und Probleme so zu „bewältigen“. Dies betrifft nicht selten auch den Umgang mit Konflikten in der Beziehung. Anstatt gemeinsam Lösungen zu erarbeiten findet ein Verdrängungsprozess statt, was oftmals die ursächlichen Probleme nur noch verstärkt. Zudem senkt Alkohol selbst in geringer Menge bereits wesentlich die Hemmschwelle: Gesteigerte Aggressivität sowohl auf verbal-psychischer als auch auf körperlicher Ebene können die Folge sein. Selbst wenn Ausbrüche im Nachhinein von Betroffenen oft bereut werden, bleiben im Regelfall doch Verletzungen, die sich kaum mehr rückgängig machen lassen. Schließlich verändert missbräuchlicher Alkoholkonsum auch das Verhalten: Die Betroffenen beginnen heimlich zu trinken und haben dabei ein schlechtes Gewissen. In der Paartherapie zeigt sich, dass sich so zwischen den Partnern ein Klima des Misstrauens entwickelt. Die Mischung aus Ermahnung und Kontrolle auf der einen, und Geheimhaltung und Rückzug auf der anderen Seite, kann einen Keil zwischen zwei Menschen treiben.

Paartherapie und Eheberatung: Auswirkungen auf das gesamte Beziehungssystem

Eine der gravierendsten Auswirkungen von Alkoholismus ist, dass sich die Erkrankung immer mehr auf das gesamte Beziehungssystem eines Menschen ausbreitet. Während der Partner oftmals schon sehr früh mit Auswirkungen konfrontiert ist, kann mit zunehmendem Schwergrad die Abhängigkeit immer schlechter kompensiert und verheimlicht werden. Nicht nur Freunde und Familie werden so immer mehr in Mitleidenschaft gezogen, oftmals kommt es auch zu Konflikten am Arbeitsplatz bis hin zum Jobverlust. Als Paartherapeut und Eheberater sehe ich immer wieder den Teufelskreislauf, der dadurch in Gang gesetzt wird: Die sozialen Auswirkungen (z.B. Rückzug von Familie und Freunden) sowie finanzielle Sorgen drücken weiter auf die oftmals ohnehin schon sehr belastete Partnerschaft. Das wiederum hat negative Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten der Betroffenen. In vielen Fällen breitet sich Alkoholismus dann wie ein Flächenbrand aus, kaum eine Beziehung bleibt davon unberührt. Der entstehende Leidensdruck aller Beteiligten ist immens. Mit dem verloren gegangen Vertrauen, der Verzweiflung, der Unsicherheit, der Scham und der Wut richtig umzugehen, ist selbst nach einem Entzug und bestehender Abstinenz ohne externe Unterstützung nur schwer möglich. Selbst wenn der Alkohol die Beziehung verlässt, wirft er oftmals noch einen großen Schatten auf diese.

Alkoholismus und der Beitrag der Paartherapie und Eheberatung

Paartherapie und Eheberatung kann zwar sicherlich keine medizinische Akutversorgung und auch keinen Entzug ersetzen, kann aber in fast jedem Stadium einen immens wertvollen Beitrag leisten. Zum einen wirkt Paartherapie und Eheberatung präventiv. Wenn Beziehungskonflikte Alkoholmissbrauch verstärken, kann eine weitere Eskalation durch das Arbeiten an der Partnerschaft verhindert werden. Betroffene oder ihre Partner können sich alleine oder als Paar zudem bereits in frühen Stadien informieren und beraten lassen – allein die dadurch entstehende Entlastung kann sehr dabei helfen, Klarheit zu gewinnen und im Folgenden die richtigen Schritte zu setzen. Auch wenn bereits medizinische Maßnahmen angebahnt wurden, kann Paartherapie den Gesundungsprozess unterstützen. Indem die Partnerschaft gestärkt wird, wird eine wichtige Ressource aufgebaut, die gerade in solch schwierigen Zeiten von essentieller Bedeutung sein kann. Immer wieder wird die große Bedeutung des sozialen Umfelds bei der Krankheitsbewältigung (siehe z.B. auch „Co-Abhängigkeit“) hervorgehoben – indem der Partner, der selbst häufig einer großen Belastung ausgesetzt ist, in die Therapie miteingebunden wird, wird das gesamte System stabilisiert. Der Kampf gegen Alkoholmissbrauch und Abhängigkeit ist kräfteraubend. Selbst wenn es gelingt diesen Kampf zu gewinnen, stellen Betroffene oft fest, dass dabei die Beziehung in Mitleidenschaft gezogen wurde. Paartherapie und Eheberatung kann gerade dann besonders wertvoll sein, indem Paare dabei unterstützt werden, das verloren gegangene Vertrauen wieder herzustellen und alte Wunden zu heilen.

 

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